Geistliches Wort

Ostern und Galiläa

Nach Galiläa gehen bedeutet, sich vom Grab wegzubewegen. Die Frauen suchen Jesus im Grab, das heißt, sie gehen dorthin in Erinnerung an das, was sie mit ihm erlebt haben und was nun für immer verloren ist. Sie gehen, um ihrer Traurigkeit neue Nahrung zu geben. Da wird ein Glaube sichtbar, der zum Gedenken an etwas Schönes, aber Vergangenes geworden ist. Viele leben einen „Erinnerungs-Glauben“, so als ob Jesus eine Gestalt aus der Vergangenheit wäre, Glaube bestehend aus Gewohnheiten, aus Dingen der Vergangenheit, der mich nicht mehr berührt, der mich nicht mehr herausfordert.

Hier ist die zweite Botschaft von Ostern: Der Glaube ist keine Antiquitätensammlung, Jesus ist nicht eine Gestalt, die längst überholt ist. Er lebt, hier und jetzt. Er begleitet dich jeden Tag – bei der Situation, die du gerade erlebst. Er eröffnet neue Wege, wo du meinst, es gäbe keine.

Jesus wendet sich mit seiner Verkündigung an alle, die sich im Alltag nur mühsam durchschlagen, an die Ausgegrenzten, die Schwachen, die Armen. Er will für sie Antlitz und Gegenwart Gottes sein, der unermüdlich die Verzagten und die Verlorenen sucht. Der Auferstandene bittet die Seinen, dorthin zu gehen, auch heute. Dorthin, wo sich das tägliche Leben abspielt, zu den Straßen, auf denen wir jeden Tag unterwegs sind, in die verschiedenen Winkel unserer Städte – dorthin geht der Herr uns voraus und dort zeigt er sich. In Galiläa lernen wir, dass wir den auferstandenen Herrn in den Gesichtern unserer Brüder und Schwestern finden können. Wir werden staunen, wie sich Gottes Größe im Kleinen offenbart, wie seine Schönheit in den Einfachen und Armen aufstrahlt.

Jesus, der Auferstandene, liebt uns uneingeschränkt und kommt zu uns in jeder Lebenslage. Er hat seine Gegenwart in das Herz der Welt eingepflanzt und lädt auch uns ein, Barrieren zu überwinden, auf die Menschen um uns herum zuzugehen und die Gnade des Alltäglichen neu zu entdecken. Lasst uns erkennen, dass er in unserem Galiläa, in unserem Alltag gegenwärtig ist. Mit ihm wird sich das Leben verändern.

 

Quelle: Vatikannews. Predigt von Papst Franziskus in der Osternacht 2021 in Rom.